Gesellschaftskritik in Zeiten von Corona: Für ein Denken ohne Geländer

Praktiken der Solidarität

Gesellschaftskritik in Zeiten von Corona: Für ein Denken ohne Geländer

Karolin-Sophie Stüber | Privat

Alexander Heindl und Karolin-Sophie Stüber

Die Gegenwart ist gekennzeichnet durch größte Umwälzungen. Wir erleben ein historisches Ereignis von globalem Maßstab, dessen Verlauf und Folgen ungewiss sind. Die Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaften erweisen sich als radikal wandelbar: Statt der Wirtschaft oder demokratischen Bürger*innenrechten, kommt nun der (insbesondere gesundheitlichen) Grundversorgung das Primat zu. Dabei handelt es sich um das Ergebnis politischer Entscheidungen, die so oder anders getroffen werden können. Aus philosophischer Sicht lassen sich diese Entwicklungen als erfahrbare Kontingenz beschreiben, das heißt als die Erfahrung der Möglichkeit einer grundlegenden Gestaltbarkeit der vorhandenen gesellschaftlichen Ordnung. Denn Kontingenz verweist auf den Umstand, dass der gesellschaftliche Ordnungsrahmen, das heißt gesellschaftliche Werte, Ziele oder Institutionen, auch anders gestaltet sein könnten und impliziert die Möglichkeit von politischen Alternativen.

Metaphorisch gesprochen, sind in der Pandemie die vormals als alternativlos geltenden Geländer, welcher der Gesellschaft als Orientierung dienen, ins Wanken geraten. Wie und woran ließe sich in dieser Zeit noch Orientierung oder Halt finden? Für Gesellschaften, die ihre tradierten Gewissheiten – ihre Geländer – verlieren, ergeben sich zwei Möglichkeiten:

Es können neue Gewissheiten und Normen entwickelt werden, die das Denken und Handeln leiten. In der Anrufung des starken Staats, geschieht momentan eben dies: Es werden neue Geländer montiert. Diese Entwicklungen werden gegenwärtig durch den Begriff der Solidarität begleitet und begründet. Solidarität wird dabei als ein Füreinander-Einstehen im Rahmen bestehender Gemeinschaften verstanden und fungiert als haltgebendes Geländer in Anbetracht erfahrbarer Kontingenz. So begrüßenswert die momentane Renaissance solidarischer Praktiken ist – die Solidarität ist nicht unschuldig. Die gegenwärtigen Solidaritätsappelle, die sich vornehmlich an das Wir-Gefühl nationalstaatlich verfasster Gemeinschaften richten, resultieren in einer Vielzahl von Ausschlüssen. Sie suggerieren Gleichheit, wo keine Gleichheit herrscht, sie übergehen Menschen, die nicht Teil der eigenen Gemeinschaft sind und sie verfestigen Grenzen, wo internationale Zusammenarbeit angebracht wäre. Zudem bringen sie gesellschafts-kritische Stimmen in Misskredit. Denn gesellschaftskritische Äußerungen – etwa zur Beschneidung der fundamentalen Freiheitsrechte – werden nun oftmals als unsolidarisch und potentiell gefährlich interpretiert.

Diese unkritische Schattenseite der Solidarität könnte sich aus demokratischer Perspektive als verheerend erweisen. Denn Demokratien beruhen auf der Anerkennung von Kontingenz: Es wird akzeptiert, dass gesellschaftliche Ordnung gestaltbar und Alternativen denkbar sind. Dabei kommt der Praxis der öffentlichen Kritik ein zentraler Stellenwert zu. Nur so können Bürger*innen gestalterischen Einfluss auf den normativen Rahmen des Gemeinwesens nehmen. Ohne Kritik des Bestehenden gibt es keine Alternativen und ohne Alternativen, ist die Idee demokratischer Selbstregierung eine leere Hülle. Gerade in einer Zeit, in welcher sich Gesellschaft als radikal gestaltbar erweist und langfristige politische Weichen gestellt werden, darf die demokratische Auseinandersetzung darüber, wie wir miteinander leben, nicht zum Erliegen kommen.

Eine zweite Möglichkeit des Umgangs mit Kontingenz und Ungewissheit, lässt sich im Anschluss an Hannah Arendt formulieren: Denken ohne Geländer.

„Ich habe eine Metapher, […] die ich niemals veröffentlicht, sondern für mich behalten habe. […]: „Denken ohne Geländer“. Das heißt, wenn Sie Treppen hinauf- oder heruntersteigen, dann gibt es immer das Geländer, so daß Sie nicht fallen. Dieses Geländer ist uns jedoch abhanden gekommen. So verständige ich mich mit mir selbst. Und „Denken ohne Geländer“, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.“ (Arendt, Ich will verstehen, 112f.)

Arendt beunruhigte, dass Menschen ins Nichtdenken verfallen, wenn sie sich an den Besitz eines Geländers gewöhnen und die Normen und Traditionen für notwendig halten – also gerade nicht für kontingent und gestaltbar. Sie war überzeugt, dass dort, wo Nichtdenken und Gewöhnung an die Stelle von Selbstdenken und Kritik rücken, die demokratische Gestaltbarkeit in Gefahr gerät. So plädiert sie für die Einübung des Treppensteigens ohne Geländer, das zu einem Balanceakt zwingt und durch eine Eigenständigkeit und kritische Haltung ausgezeichnet ist. Diese kritische Haltung sei antiautoritär, weil es die als selbstverständlich angenommenen Traditionen und Normen einer stetigen kritischen Prüfung unterzieht. Das Denken ohne Geländer erweist sich demnach als zutiefst demokratisch: als eine Haltung der Gestaltbarkeit.

Da es gleichermaßen kein neues stabiles Geländer anbieten will, zeichnet es sich durch eine Vorläufigkeit und einen Prozesscharakter aus. Gerade, weil alles ungewiss ist, kann diese kritische Haltung eine Überforderung bedeuten und so sind wir dabei auf den Austausch mit anderen Menschen angewiesen: Die „Kunst des kritischen Denkens […] kann man nicht ohne Öffentlichkeit lernen, ohne die Überprüfung, die aus der Begegnung mit dem Denken anderer entsteht“ (Arendt, Das Urteilen, 67). Da das Denken ohne Geländer nicht nur bei der eigenen Perspektive stehenbleiben darf, sollten auch die Standpunkte und Perspektiven einbezogen werden, durch die sich die Welt den anderen Menschen eröffnet.

Konkret auf die gegenwärtige Situation bezogen, könnte dies bedeuten, sich zu fragen, welche unterschiedlichen Perspektiven auf die Pandemie existieren, beispielsweise von Alleinerziehenden, prekär oder gar nicht (mehr) Beschäftigten, wohnungslosen Menschen, Geflüchteten, Sexarbeiter*innen, physisch und psychisch Kranken, von häuslicher Gewalt Bedrohten und so weiter. Welchen (neuen) Risiken sind sie durch die konkreten staatlichen Maßnahmen und Verordnungen ausgesetzt? Wie ließe sich ein gesamtgesellschaftlicher Umgang mit all diesen indirekten Facetten der Pandemie finden?

Eine kritische Haltung zum starken Staat und einer Solidarität, die doch nur manche und nicht alle meint, scheint uns für eine emanzipatorische und kritische Perspektive notwendig. Eine solche Haltung, verstanden als Denken ohne Geländer, könnte die Basis eines Verständnisses von Solidarität bilden. Dadurch würde Kritik nicht als unsolidarisch abgewertet, sondern geradezu als Motor von Solidarität verstanden: Diese Form der Solidarität wäre dynamisch und offen, an den Bedürfnissen und dem Schutz aller Menschen ausgerichtet, und würde sich nicht blind an neuen Geländern orientieren. Stattdessen würden diese Geländer stets kritisch hinterfragt, die demokratische Aushandlung vorangetrieben und eine gemeinschaftliche, kritische Denkhaltung eingeübt – basierend auf Perspektivenübernahme, Solidarität und demokratischer Kritik.

Alexander Heindl und Karolin-Sophie Stüber sind Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen im Projekt „Praktiken der Solidarität“ an der Hochschule für Philosophie München.

 

2 Antworten

  1. Tänzler, Assol-Diana sagt:

    Und so interpretiert jeder seine und unsere Wahrheiten frei nach Faktor und Eigenempfinden Mensch und vergisst völlig den Menschen.

  2. Vielen Dank für den anregenden Beitrag und für die hilfreiche Metapher des „Denkens ohne Geländer“! Zum Glück fehlt ja nur das Geländer, der Grund auf dem wir stehen, hat sich nicht geändert, nur unser Blick darauf ist klarer geworden…
    Danke für die Frage „welche unterschiedlichen Perspektiven auf die Pandemie existieren, beispielsweise von Alleinerziehenden, prekär oder gar nicht (mehr) Beschäftigten, wohnungslosen Menschen, Geflüchteten, Sexarbeiter*innen, physisch und psychisch Kranken, von häuslicher Gewalt Bedrohten und so weiter“ – diesen Menschen zuzuhören, ihre Stimme ein Stück weit hörbar zu machen, das ist eine große und sicher wichtige Aufgabe, gerade für uns Wissenschaftler!
    Übrigens hat sich der päpstliche Almosenmeister genau auf diese Notwendigkeit „to think out of the box“ berufen, als er letzte Woche eine für vatikanische Verhältnisse sehr ungewöhnliche Hilfsaktion startete:
    https://cruxnow.com/church-in-europe/2020/05/popes-charity-helps-transgender-prostitutes-in-rome-amid-coronavirus-fallout/

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