Solidarität in Corona-Zeiten

Praktiken der Solidarität

Solidarität in Corona-Zeiten

Michael Reder

In Zeiten der Corona-Pandemie wird viel über Solidarität gesprochen. Solidarität meint dabei meist ein Verhalten, um zu verhindern, dass sich der Virus ausbreiten kann. Wer sich solidarisch zeigt, der tut etwas, was für solidarisches Verhalten eigentlich untypisch ist: man distanziert sich. Die politischen Eingriffe, die mit Verweis auf eine so verstandene Solidarität begründet werden, sind weitreichend. Einschränkungen von grundlegenden Freiheitsrechten sollen die Bevölkerung vor sich selbst schützen. Wie lässt sich eine solche Verwendung von Solidarität (noch) sinnvoll interpretieren? Und: Wie kann uns der Blick auf altbekannte Ambivalenzen von Solidarität helfen, nicht einen neuen blinden Fleck in Zeiten des Virus zu entwickeln?

Philosophisch war der Begriff der Solidarität lange Zeit unterbelichtet. Solidarität war nur die Kehrseite der Gerechtigkeit und konnte demgegenüber keinen Verpflichtungscharakter in Anspruch nehmen. Vielen Philosoph*innen schien die Forderung nach Solidarität in einer individualisierten Gesellschaften eine moralische Überforderung zu sein. Die vernünftige Bürger*in will immer selbst entscheiden dürfen, wie sie leben will

Seit einigen Jahren ist allerdings trotz dieser (liberalen) Skepsis eine Renaissance der Solidarität zu verzeichnen. Angesichts globaler Krisen sprachen auch vor Corona schon immer mehr Menschen von Solidarität. Es ging um Solidarität mit Geflüchteten angesichts brutaler Kriege oder um Solidarität mit zukünftigen Generationen angesichts gravierender Klimafolgen. Solidarität wurde und wird dabei unterschiedlich verwendet. Solidarität meint einerseits den sozialen Zusammenhalt, den sozialen Kitt, einer Gemeinschaft. In dieser Perspektive geht es um geteilte Kultur, Geschichte und Werte, die den Zusammenhalt begründen. Daraus kann ein wechselseitiges Füreinander-einstehen erwachsen. Die zweite Facette ist mit dem Begriff der politischen Solidarität markiert. Politische Solidarität ist weniger an die einzelne Gemeinschaft gebunden, sondern will angesichts von Krisen politische Lösungsvorschläge entwickeln. Solidarität in diesem Sinne hat immer eine politische Veränderung der Gesellschaft vor Augen.

Solidarität in Zeiten von Corona ist vor allem auf die soziale Solidarität bezogen. Menschen als Teil einer Gemeinschaft sollen füreinander einstehen, um die Krise zu bewältigen. Auf dieser normativen Basis beziehen sich gegenwärtig viele Verhaltensweisen, die in der Tat zu einer gewissen Renaissance solidarischen Handelns führen. Selten waren Menschen in so kurzer Zeit bereit, auf eine (globale) Krise gemeinschaftlich zu reagieren und dabei auch massive politische und ökonomische Einschnitte in Kauf zu nehmen. Menschen wägen heute vielfach die Folgen ihres Handelns für die Gemeinschaft ab, sie engagieren sich füreinander oder helfen ganz konkret benachteiligten Menschen.

Dabei fällt auf, dass solidarisches Verhalten gefordert wird, um besonders gefährdete Personengruppen zu schützen, vor allem alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen. Gegenüber einer utilitaristisch geprägten Politik, wie sie teilweise in UK, in den Niederlanden oder Schweden praktiziert wurde (bzw. wird), setzt eine so verstandene Solidarität auf Inklusion. Es sollen alle Menschen unabhängig ihres Alters oder ihrer Gesundheit geschützt werden. Darin zeigt sich ein inklusives Potenzial der gegenwärtigen Rede von Solidarität. Es scheint Einigkeit zu bestehen: Es soll nicht nach dem Prinzip Survival of the Fittest aussortiert werden. Zumindest bislang noch nicht.

In unterschiedlicher Weise zeigt die aktuelle Rede über Solidarität allerdings auch sehr deutlich Schattenseiten. Eine erste ist eine oft beobachtbare Schlagseite sozialer Solidarität, und zwar eine verstärkte Moralisierung auf allen Ebenen. Eine Beschwörung der Gemeinschaft, die kein Ausscheren des Einzelnen duldet – auch wenn sich dieses nur im kritischen Anfragen äußert. Darin zeigt sich die homogenisierende Kraft der Solidarität: Wer anders denkt, oder Kritik übt, wird nur allzu schnell moralisch ausgegrenzt. Fast jede und jeder hat in sozialen Medien solche Erfahrungen in den letzten Tagen gemacht und den fahlen Beigeschmack einer solchen Solidarität geschmeckt.

Die Beschwörung sozialer Solidarität lässt zweitens oftmals die Implikationen des politischen Handelns außer Acht. Denn durch das vermeintlich solidarische Handeln werden gleichzeitig alt bekannte Strukturen sozialer Ungleichheit reproduziert und verstärkt. Die Betonung sozialer Solidarität kann sogar blind für diese Entwicklung machen. Für die ökonomische Mittelschicht ist eine Isolation zum Beispiel deutlich einfacher finanziell zu verkraften als für Menschen mit geringerem Einkommen. Menschen, die in prekären Kontexten leben, finden aber fast keine Beachtung in politischen Entscheidungen. Die sozialen und psychischen Folgen für die, deren Situation auch vor Corona schon schlecht war, erscheinen auch heute nur am Rand der öffentlichen Debatten. Dies führt zu weiterer Exklusion und Benachteiligung. Und diese wird vermutlich langfristige Folgen haben.

Dieser blinde Fleck der Rede von Solidarität zeigt sich in globaler Perspektive noch einmal mehr. Denn die Betonung sozialer Solidarität achtet nur allzu schnell auf die eigene kulturelle oder nationale Gemeinschaft und will deren Wir-Gefühl stärken. Deshalb ist vielen europäische Solidarität heute schnell zu viel. Wenn fünf italienische oder französische Patienten nach Deutschland ausgeflogen werden, ist das für viele schon genug. Über die Geflüchteten auf Lesbos wird fast gar nicht mehr gesprochen. Noch weniger über die vom Krieg betroffenen Menschen in Syrien oder Jemen. Die Pandemie ist eine globale Krise, aber die politischen Antworten sind fast ausschließlich national. Und genau diese Maßnahmen fördern nationale Abschottungen und auch rassistische Vorurteile. Das ist eine Fratze der sozialen Solidarität.

Natürlich muss einer Pandemie dieses Ausmaßes auf vielen Ebenen begegnet werden. Viele der getroffenen präventiven Maßnahmen sind wichtig, gerade auch um einer utilitaristischen Ethik Einhalt zu gebieten. Die vielfältigen Reaktionen auf Corona zeigen zudem, wie viel Potenzial zu solidarischem Verhalten in einer vermeintlich so fragmentierten Gesellschaft steckt.

Wir sollten uns gleichzeitig immer vor Augen, dass alle getroffenen Maßnahmen im Namen der Solidarität politische Entscheidungen sind. Sie sind mit Bezug auf medizinisches Wissen formuliert und helfen, Menschenleben zu retten. Aber es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Evidenz und politischem Handeln. Dies wird heute nur allzu schnell vergessen. Deswegen gilt es alle politische Maßnahmen zu begründen, und diese immer wieder neu zu hinterfragen. Wieso sollte Solidarität zum Beispiel in Zeiten des Virus an den Grenzen halt machen? Und welche Formen sozialer Ungleichheit bleiben außer Acht? Solidarität zielt bei aller Bezogenheit auf die Gemeinschaft nämlich letztlich immer darüber hinaus: sie achtet auf die Ausgeschlossenen, die nicht gehört werden – innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft. Genau darin besteht ihr Potenzial. Und dieses Potenzial der Solidarität brauchen wir heute mehr denn je.

Michael Reder ist Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie mit dem Schwerpunkt Völkerverständigung an der Hochschule für Philosophie München.

 

2 Antworten

  1. […] gemeinsam hin und hofft auf ein baldiges Überstehen der Krise. Diese soziale Solidarität hat Michael Reder bereits im ersten Beitrag des Blogs Praktiken der Solidarität kritisiert, da sie oftmals bestimmte politische Faktoren vernachlässigt und sich auf die nationale […]

  2. Ijabani Lucas sagt:

    zum Nachdenken anregend

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.